81. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus

Thomas Heine

Liebe Genossinnen und Genossen,
liebe Freundinnen und Freunde, liebe Anwesende,

Ich bin Hannes Volk, von der Linken und Mitglied der Linksjugend. Ich begrüße Sie heute an diesem schönen Tag hier im alten Zahnradwerk von Sonneberg.

Der heutige Tag ist kein Tag wie jeder andere – er ist ein Tag des Erinnerns und des Gedenkens.

Wir gedenken der Opfer des Nationalsozialismus und der Heldinnen und Helden, die ihr Leben gaben, um ihn zu bekämpfen.

Als 1933 die Nazis die Macht ergriffen, begann das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Zwölf Jahre und drei Monate herrschte der Faschismus in Europa und hinterließ am Ende nichts als Krieg, Leid und Zerstörung.

Doch Geschichte entsteht nicht aus dem Nichts. Und gerade deshalb müssen wir uns immer wieder fragen, wie eine Gesellschaft an diesen Punkt gelangen konnte.

Irgendwann stellt sich jeder, der sich mit dieser Zeit befasst, die Frage, wie es so weit kommen konnte. Wie konnte ein Volk, das die Schrecken des Krieges so genau kannte, sich hinter einen Mann stellen, der die Welt sehenden Auges an den Abgrund führte – und das mit Ankündigung?

War er ein rhetorisch begnadeter Rattenfänger? Lag es am Aufkommen neuer Propagandamittel wie dem Radio und dem Volksempfänger? Oder war der Faschismus doch das letzte Mittel des Kapitals, um sich selbst zu schützen?

Wenn wir heute an die deutsche Geschichte erinnern, dann stellen wir uns die Faschisten von damals oft als monströse Zerrgestalten vor: harte, ernste Gesichter in schwarzen Uniformen, mit kalter, hasserfüllter Sprache – eindeutig bösartig und fast schon unmenschlich.

Aber genau das waren und sind sie eben nicht: keine Monster, sondern Menschen. Menschen mit eigenen Sorgen und Gedanken, liebende Väter und fürsorgliche Söhne. Menschen mit eigenen Idealen und Zielen.

Das soll nichts beschönigen. Es soll zeigen, dass die Nazis keine Horde von Monstern waren, die man erschlagen hat und danach war wieder alles gut. Denn genau darin liegt die Gefahr: dass Menschen zu Tätern werden können. Um es mit den Worten von Bettina Wegner zu sagen:

„Es ist Wahnsinn, dass ein Liebender auch Menschen töten kann, die genauso wie er selber liebend sind.“

Heute ist der 81. Jahrestag der Befreiung. Seit 81 Jahren erinnern und gedenken wir an diesem Tag dem Kampf um die Befreiung und den damit verbundenen Opfern. Seit 81 Jahren erinnern wir – so lange, dass das Gedenken beinahe Teil unserer Identität geworden ist.

Unsere Erinnerungskultur ist in allen westlichen Demokratien bekannt. Deutschland gilt oft als Erinnerungsweltmeister, und vielen in der Mehrheitsgesellschaft erscheint es selbstverständlich zu sagen: Wir haben unsere Geschichte aufgearbeitet, wir haben uns reingewaschen. Autoritäre Strukturen und Unterdrückung – das gibt es doch nur in Russland. Antisemitismus – das gibt es doch nur „bei den anderen“. Rassismus und Gewalt gegen Menschen mit Migrationshintergrund wie in den USA – das gibt es hier nicht. Und wenn doch, dann war es eben ein „AFD-wählender Ossi“.

Doch Erinnern und Gedenken sind nur dann wertvoll, wenn wir die Kämpfe der Gegenwart nicht aus dem Auge verlieren.

Es wäre falsch zu behaupten, heute sei alles genau wie damals. Geschichte wiederholt sich nicht einfach. Und trotzdem war es vielleicht lange nicht mehr so wichtig wie heute, dem Faschismus und autoritären Entwicklungen entgegenzutreten.

Viel hat sich verändert seit jener dunklen Zeit vor über 80 Jahren. Noch nie lagen so viel Geld und Macht in den Händen so weniger Menschen. Noch nie war es so leicht, Millionen Menschen umfassend zu überwachen. Die Technik ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass Bombenangriffe teilweise selbstständig durch künstliche Intelligenz ausgeführt werden können. Und über all dem steht die Bedrohung eines unumkehrbaren Klimawandels.

Um Antonio Gramsci zu zitieren:

„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster.“

Ob der Faschismus genauso wiederkommt wie damals, das weiß ich nicht. Aber wir leben in einer Zeit, in der autoritäre Systeme erstarken. In einer Zeit, in der wieder ganze Städte von der Landkarte bombardiert werden, in der Hunger und Durst als Waffen eingesetzt werden und Nationen weltweit aufrüsten, um ihre Interessen durchzusetzen.

Und deshalb liegt es wieder an uns allen, uns dieser Grausamkeit entgegenzustellen.

Denn Erinnerung allein reicht nicht aus. Erinnerung muss Konsequenzen haben.

Wenn wir heute der Opfer des Faschismus gedenken, dann darf das nicht nur ein Blick zurück sein. Es muss auch ein Versprechen für die Zukunft sein: dass wir nicht schweigen, wenn Menschen entwürdigt werden. Dass wir nicht wegsehen, wenn Hass und Ausgrenzung wieder salonfähig werden. Und dass wir gemeinsam für eine Gesellschaft kämpfen, in der Solidarität stärker ist als Angst.

Nie wieder Faschismus.
Nie wieder Krieg.

Vielen Dank.