Erinnerung ist Mahnung, ist Verpflichtung

Thomas Heine

Am 10. April 1945 begann der Todesmarsch der Häftlinge des Außenkommandos „Zahnradwerk“ des KZ Buchenwald, der quer durch den Landkreis und darüber hinaus grausame Spuren hinterließ.

Anlässlich des diesjährigen Jahrestages des Todesmarsches bat der Kreisvorstand den Kreisheimatpfleger Thomas Schwämmlein um einen Vortrag zu diesen historischen Ereignissen. Dies auch vor dem Hintergrund, dass die Pflege der Gedenkstätte „Schustershieb“, die Genoss:innen des Kreisverbandes seit Jahrzehnten engagiert betreuen, auch künftig Teil der gelebten Erinnerungskultur unseres Kreisverbandes bleiben soll – getragen von jüngeren Händen und dem Andenken an die Opfer faschistischer Barbarei verpflichtet.

Eindringlich schilderte Thomas Schwämmlein die dramatischen Ereignisse der letzten Kriegstage im April 1945. Anhand historischer Quellen, Zeitzeugenberichte und dokumentierter Wegstrecken wurde nachvollziehbar, welchen Leidensweg die Häftlinge des Außenkommandos „Zahnradwerk“ unter der Gewalt der SS zurücklegen mussten:

Im letzten Kriegsjahr des Zweiten Weltkriegs befand sich in Sonneberg ein Außenkommando des Konzentrationslagers KZ Buchenwald. Das Lager war dem sogenannten Zahnradwerk angegliedert, einem Rüstungsbetrieb, der 1937 von der Leipziger Reinhardt AG gegründet wurde. Produziert wurden dort vor allem Zahnräder und mechanische Bauteile für Panzer, Flugzeuge und Zielvorrichtungen der deutschen Rüstungsindustrie.

Das Zahnradwerk galt während der Zeit des Nationalsozialismus als bedeutender Industriebetrieb der Region. Nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 wurde die Ansiedlung solcher Betriebe von der nationalsozialistischen Landesregierung Thüringens gezielt gefördert. Für viele Menschen in Sonneberg bedeutete das Werk zunächst wirtschaftlichen Aufschwung, neue Arbeitsplätze und Ausbildungsmöglichkeiten in technischen Berufen, die zuvor in der Region kaum verbreitet gewesen waren.

Mit fortschreitender Dauer des Krieges verschärfte sich jedoch der Arbeitskräftemangel. Neben regulären Beschäftigten kamen zunächst Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter zum Einsatz. Ab Mitte 1944 wurden schließlich Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald nach Sonneberg überstellt. Die Häftlinge stammten überwiegend aus Ungarn und Polen; viele von ihnen waren jüdischer Herkunft. Zeitweise befanden sich über 400 bis 500 Häftlinge im Außenkommando.

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren äußerst hart. Die Gefangenen mussten unter unzureichender Versorgung schwere körperliche Arbeit leisten. In den Unterlagen erscheinen sie häufig nicht mehr mit Namen, sondern lediglich mit Häftlingsnummern. Die völlige Entmenschlichung der Gefangenen war Teil des Systems nationalsozialistischer Konzentrationslager.

Trotz der Größe des Außenkommandos wurde dessen Existenz nach Kriegsende lange Zeit nur unzureichend thematisiert. Eine studentischen Arbeit in den 1970er Jahren zu diesem Thema stellte fest, das viele Zeitzeugen erklärten „Wir haben nichts mitbekommen“. Doch diese Aussagen stehen im deutlichen Widerspruch zur tatsächlichen Präsenz der Häftlinge im Stadtbild - spätestens mit Beginn der Todesmärsche und die Frage ist, welche Rolle Verdrängung, Schuldgefühl und Angst beim „nichts mitbekommen“ gespielt haben. 

Andere ehemalige Einwohner berichten von Kolonnen erschöpfter Gefangener in Häftlingskleidung, begleitet von bewaffneten Wachmannschaften und Hunden, die durch die Oberstadt geführt wurden. Ein Zeitzeuge, Peter Leuthäuser, hat einmal gesagt: „Ich bekomme diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf.“, andere erinnerten sich an „Geräusche wie rasselnde Panzerketten“, die sich dann als das Klappern der Pantinen der Häftlingskolonnen entpuppten.

Im April 1945, kurz vor dem Ende des Krieges, begann die Räumung des Außenkommandos. Die nationalsozialistischen Behörden bezeichneten dies offiziell als „Evakuierung“. Tatsächlich handelte es sich um den Beginn eines Todesmarsches.

Kurz vor dem Abmarsch kam es zu einem Massaker unter den Häftlingen. Als Gefangene versuchten, sich Lebensmittel – insbesondere Kartoffeln – zu beschaffen, eröffneten Angehörige der SS das Feuer. Mindestens 40 Häftlinge wurden dabei erschossen. Die Überlebenden wurden anschließend auf Todesmärsche geschickt, die durch verschiedene Orte Thüringens und darüber hinaus führten.

Die Marschrouten lassen sich heute nur noch teilweise rekonstruieren und waren die Wege keineswegs logisch oder planmäßig organisiert. Gesichert gelten Routen durch die Oberstadt Richtung Schustershieb und Steinach, wie auch via Köppelsdorf Richtung Hüttensteinach und Richtung Kronach. Die Kolonnen bewegten sich teilweise orientierungslos durch die Region, da auch die Wachmannschaften im Zusammenbruch des Deutschen Reiches keine klare Richtung mehr hatten. Einige Häftlinge gelangten später bis nach Bayern oder Böhmen, sofern sie nicht an Erschöpfung, Hunger oder Misshandlungen unterwegs starben.

Nach dem Ende des Krieges wurden in den Wäldern und an den Marschrouten zahlreiche Leichen gefunden, oftmals nur notdürftig verscharrt. In mehreren Orten kam es zu Umbettungen und Bestattungen auf Friedhöfen oder in Gedenkstätten. Auch in der KZ-Gedenkstätte Laura, nahe Schmiedebach, befinden sich Gräber von Häftlingen aus dem Sonneberger Außenkommando.

Die juristische Aufarbeitung begann unmittelbar nach Kriegsende. Im Rahmen der sogenannten Buchenwald-Nebenprozesse in Dachau wurden mehrere Täter aus der Region angeklagt. Besonders hervorgehoben wurde dabei Heinrich Buug aus Lauscha, dem besondere Grausamkeit gegenüber Häftlingen nachgewiesen wurde und der zugab Häftlinge auf Befehl getötet zu haben. Zunächst zum Tode verurteilt, wurde seine Strafe später in eine 15-jährige Haftstrafe umgewandelt. Bereits Anfang der 1950er Jahre kam er jedoch wieder frei.

Ebenfalls verurteilt wurde der SS-Obersturmführer Alfred Andreas Hofmann, Kommandoführer im Außenkommando Sonnebergder eine mehrjährige Haftstrafe verbüßte. Weitere Verfahren fanden vor sowjetischen Militärtribunalen statt. Im September 1945 wurden in Weimar die ehemaligen Werkleiter Erich Schubert und Johannes Friedrich sowie der Schmiedemeister Hermann Schindhelm hingerichtet. Ihnen wurden schwere Verbrechen im Zusammenhang mit dem Außenlager und den Todesmärschen zur Last gelegt.

Die systematische Erinnerungsarbeit setzte jedoch erst Jahrzehnte später ein. Besonders seit den 1970er Jahren entstanden in der DDR Gedenksteine und Erinnerungsorte, unter anderem am Schustersieb und in Sonneberg-West. Seit 1982 erinnern zudem in Sonneberg und Umgebung entlang der zwei Routen dreizehn Metalltafeln an die Opfer der Todesmärsche. Die Erinnerungskultur jener Zeit war stark vom antifaschistischen Selbstverständnis der DDR geprägt. Im Vordergrund standen vor allem politische Häftlinge, während andere Opfergruppen teilweise weniger Beachtung fanden.

Nach 1990 veränderte sich die Perspektive erneut. Gleichzeitig gingen viele direkte Zeugnisse verloren, da die Generation der Zeitzeugen zunehmend verschwand. Heute besteht weiterhin erheblicher Forschungsbedarf, insbesondere hinsichtlich der genauen Abläufe der Todesmärsche sowie der lokalen Beteiligung und Wahrnehmung.

Die Geschichte des Außenkommandos Sonneberg zeigt exemplarisch, wie eng industrielle Kriegswirtschaft, Zwangsarbeit und nationalsozialistische Gewalt miteinander verbunden waren. Zugleich verdeutlicht sie die Schwierigkeiten gesellschaftlicher Erinnerung: das Spannungsverhältnis zwischen Verdrängung, Schuld, Gedenken und historischer Aufarbeitung bleibt bis heute bestehen.

Im Anschluss dankte Thomas Heine im Namen des Kreisvorstandes und der Anwesenden Thomas Schwämmlein für den sehr detaillierten Vortrag und sein unermüdliches Engagement als Kreisheimatpfleger. Er kündigte zudem an, dass der 10. April ein fester Termin im politischen Jahreskalender des Kreisverbandes sein wird.