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„Ich wollte wirklich was verändern“

Schüler treffen Politiker – interessante Diskussionsrunde mit MdL Knut Korschewsky im Rahmen einer Projektwoche an der Bürgerschule

Schüler treffen Politiker – interessante Diskussionsrunde mit MdL Knut Korschewsky im Rahmen einer Projektwoche an der Bürgerschule

Sonneberg. „Herzlich Willkommen Herr Korschewsky“ stand in weißen Lettern an der grünen Tafel eines Klassenraums. In diesem hatten am Morgen Schülerinnen und Schüler der 10/1 und 10/2 Platz genommen, um sich dem Thema Politik zu widmen. In Vorbereitung auf die Projektwoche hatten die Verantwortlichen bei Knut Korschewsky angefragt, ob er sich die Zeit für einen ausführlichen Gedankenaustausch mit den Jugendlichen nehmen würde. Sofort sagte der Landtagsabgeordnete der Fraktion „DIE LINKE“ im Thüringer Landtag zu, was er zu Beginn des Dialogs noch einmal betont wissen wollte. „Ich freue mich sehr über diese Einladung und denke, wir werden einen interessanten Vormittag miteinander haben“, legte der Gast gleich los und befragte die Runde nach potentiellen Erstwählern. Nachdem das die Mehrzahl der Anwesenden durch ein Handzeichen bestätigte, schlug Korschewsky vor, diesem Thema zum Ende hin nochmals Aufmerksamkeit zu schenken –sofern gewünscht. Vorab wollte er aber ausführlich über seinen persönlichen Werdegang berichten. „Ich habe auch einen anständigen Beruf erlernt, bin Meister für Feinwerktechnik“, scherzte der 58-Jährige. Schon während seiner Tätigkeit als Dreher im Feinmessgerätewerk Suhl (FMS) trat Korschewsky 1979 in die SED ein. Es folgte ein Studium an der TH Ilmenau und wenig später wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Betriebsdirektors des FMS. Die weiteren Stationen: Bezirksparteischule, Sekretär der FDJ-Kreisleitung Suhl, Mitarbeiter PDS-Stadtvorstand Suhl, Mitarbeiter und Geschäftsführer des PDS Landesvorstands Thüringen, Vorsitzender der Linkspartei.PDS Thüringen und der Partei DIE LINKE Thüringen. „Seit September 2009 bin ich Mitglied des Thüringer Landtags“, erfuhren die Schüler aus erster Hand. Kürzlich sei auch der Entschluss gereift, bei der kommenden Landtagswahl noch einmal anzutreten. „Meine Maxime ist es, dass man nicht ewig Politik machen sollte. Drei Legislaturen sind nach meiner Auffassung genug - aber die braucht es auch.“ Die Erste, erläuterte Korschewsky, zum Lernen; die Zweite zum Anpacken und Umsetzen; die Dritte zum intensiven Einarbeiten eines Nachfolgers. „Und auch, wenn es manchmal so scheint: Dieser Job ist nicht ganz so einfach. 60-Stunden-Wochen sind z.B. regelmäßig an der Tagesordnung.“

Im Anschluss hatten die Schüler die Möglichkeit für eine erste Fragerunde. „Wieso blieben Sie auch nach der Wende Mitglied der SED (bzw. später der PDS/DIE LINKE)?“, lautete die Premiere. „Ich wollte zu dieser Zeit wirklich was verändern. Mir wurde klar, dass etwas falsch läuft in der Gesellschaft. Ich fand es gut, dass es die Gespräche am Runden Tisch gab und sich Menschen zusammenfanden, die eine bessere Gesellschaft wollten. Zudem war ich noch immer der Meinung, dass es nicht falsch sein konnte, für Dinge wie Frieden, soziale Gerechtigkeit und Absicherung, bezahlbare Mieten und ein lebenswertes Miteinander einzustehen. Ich wollte in dieser Zeit, die für ein Mitglied der SED alles andere als einfach war, meinen Beitrag dazu leisten.“

Wie aus der Pistole geschossen kam das klare „Nein“ auf die Nachfrage zu einem möglichen Parteiwechsel. „Das wäre doch unglaubwürdig“, erklärte Korschewsky. Ebenso deutlich machte der Gast auch seine Sicht auf die AfD publik: „Für mich haben alle Parteien in dieser Gesellschaft eine Berechtigung, die unser demokratisches Wertegefühl vertreten. Bei der AfD sehe ich das nicht. Wenn ich allein an die zum Teil Menschen verachtenden Auftritte von Höcke und Co.im Landtag denke, sträuben sich mir die Nackenhaare. So etwas kann und will ich nicht tolerieren, geschweige denn akzeptieren.“ Zum Thema Rente mit 70 fasste Korschewsky zusammen, dass das in unserer Gesellschaft steigende Lebensalter nicht automatisch eine Erhöhung des Renteneintrittsalters bedinge. „Es gibt eine Vielzahl von Berufen, die man nicht bis ins hohe Alter ausüben kann. Denken wir nur an Pflegekräfte oder Bauarbeiter und viele mehr. Ich bin strikt dagegen, dass man länger arbeiten muss. Wer es möchte und sich in der Lage fühlt, sollte das machen dürfen. Aber grundsätzlich müssen, davon halte ich nichts. Jeder soll nach seinem Arbeitsleben ein anständiges Auskommen haben. Dafür muss in Sachen Lohnpolitik noch einiges passieren, sonst gehen viele Menschen nach 35 oder mehr Berufsjahren in die Altersarmut. “

Natürlich kamen die Schüler auf die Fridays for future-Demos zu sprechen. Hierzu signalisierte der Landtagsabgeordnete seine uneingeschränkte Unterstützung. Der Druck müsse so stark werden, dass es gelinge, endlich Reaktionen einzufordern.

Den Widerspruch zwischen dem Fachkräftemangel einerseits, kostenpflichtigen Ausbildungen andererseits sprach ein Schüler an. „Meine Meinung dazu: jede erste Berufs-Ausbildung sollte kostenfrei sein, damit Jugendliche diese nicht abhängig vom Geldbeutel der Eltern wählen müssen“, erklärte Korschewsky.

Gesetzliche oder private Krankenkasse? Wer privat wolle, der solle auch für die bevorzugte Behandlung entsprechend höhere Beiträge zahlen. „Besser wäre natürlich, wenn sich alle am Solidarsystem beteiligen würden, auch Beamte, Politiker, Selbständige. Und das bei der Kranken- und Rentenversicherung. Das Land muss mit immer höheren Kosten bei den Pensionszahlungen klar kommen. Geld, das in anderen Bereichen gut gebraucht würde. Da muss sich nach meiner Meinung endlich etwas ändern.“

Auf den Besuch der DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier in Sonneberg angesprochen, bemerkte der Landtagsabgeordnete: „In der DDR geb es Unrecht, und das zum Teil auch massiv. Aber es ist falsch, das pauschal auf alle abzuwälzen. Nicht jeder war beteiligt. Obwohl es keine wirkliche Meinungsfreiheit gab, die Berufswahl nicht immer freigestellt war, geschweige denn, Gerichte unabhängig waren – es ist den Meisten gegenüber nicht gerecht, alles zu pauschalisieren.“

Was kann ein einzelner Politiker bewirken? Den Bürgern zuhören, ihre Probleme ernst nehmen. „Ich bin viel in meinem Wahlkreis unterwegs und suche den persönlichen Kontakt zu den Bürgern, Firmen, Vereinen usw. Nur wenn man nah an den Menschen ist, weiß man um ihre Sorgen. Meine Aufgabe ist es, in Erfurt auf diese Dinge aufmerksam zu machen, Ideen einzubringen und andere dafür zu begeistern – um eine Mehrheit zu erreichen. Das geht natürlich auch in der Opposition. Bestes Beispiel sind die Straßenausbaubeiträge, für deren Anschaffung wir als Linksfraktion seit Jahren kämpfen. Plötzlich haben selbst die CDU, die das immer blockierte, und die AfD das als Wahlkampfthema entdeckt – weil es die Bürger umtreibt. Noch ohne Erfolg ist leider unser Bemühen um die Anschaffung der automatischen Diätenerhöhungen in Thüringen, die in Artikel 54 der Verfassung festgeschrieben sind. Das erfordert eine 2/3-Mehrheit im Landtag, die aktuell nicht absehbar ist. Wir als Linke spenden diese Erhöhungen über den Verein „Alternative 54“ für soziale Projekte oder Vereine – immerhin schon weit mehr als eine Million Euro“, warb Korschewsky für diese Initiative.

Zum Abschluss kam das Gespräch nochmals auf die anstehenden Wahlen. Auf die Frage, wer nicht wählen gehe, gingen zwei Arme nach oben. Einerseits habe man kein wirkliches Interesse, zum anderen sei keine der antretenden Parteien eine wählbare Option. Knut Korschewsky machte deutlich, dass wählen gehen zu dürfen ein demokratisches Recht sei, das nicht in allen Ländern selbstverständlich sei. Und fügte an: „Wer nicht wählen geht, darf hinterher auch nicht meckern. Gebt eure Stimme ab, nutzt dieses Recht. Selbst einen Stimmzettel ungültig zu machen, ist eine Willensbekundung, denn es ist eure eigene Entscheidung.“ Danach bedankte sich der Landtagsabgeordnete für den regen Gedankenaustausch, das große Interesse und die Offenheit. „Das zeigt mir deutlich, dass die Jugend sehr wohl an dem interessiert ist, was in unserer Gesellschaft passiert. Ich denke, es gab heute ausreichend Anstöße, über Dinge nachzudenken – auch für mich. Ich nehme einige Anregungen mit.“ Einig waren sich alle Anwesenden, dass Schulen derartige Angebote viel öfters nutzen sollten.

Bild und Text: SUW