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Harz IV - das ist Armut gegen Gesetz

Astrid Nerlich

Berlin-Demo Hartz IV - Wir waren dabei

Bericht über die Teilnahme an der Zentralen Demonstration gegen Harz IV in Berin am

Nachdem wir seit Wochen mit den unterschiedlichen Formen gegen Hartz aktiv waren, setzten wir uns am frühen Morgen des 2. Oktober in den Bus nach Berlin. Wir - das waren Mitglieder unseres Kreisverbandes genauso wie Parteilose, die aus der Zeitung von dieser Fahrt erfahren hatten und ein unbedingtes Interesse an ihrer Teilnahme hatten.

Da gab es die Arbeitslosenhilfeempfängerin, die sich immer noch nicht sicher ist, wie sie den Fragebogen in einigen Passagen ausfüllen soll, denn damit sind die Weichen endgültig ins soziale Abseits gestellt. Da gab es die Seniorinnen und Senioren, die trotz eigener körperlicher Behinderung die Strapazen dieses Tages auf sich nahmen, weil sie für Ihre Kinder und Enkel auf der Straße für soziale Gerechtigkeit streiten wollten.

Und da gab es auch die Teilnehmer/-innen, die noch in Lohn und Brot stehen aber ahnen, was da ab Januar 2005 auf uns zukommt, denn eine Besserung der Lage ist, wie man uns von offizieller Seite einreden will, durch Hartz IV keinesfalls in Sicht. In Berlin angekommen, eilten wir sofort zum Treffpunkt am Alex. Wir waren etwas spät dran und deshalb erleichtert, daß sich der Abmarsch verzögert hatte.

Nun sahen wir erst, wie viele Menschen gleich uns ihrem Protest Ausdruck verleihen wollten. Und wir hörten über die riesigen Lautsprecher die kämpferischen Reden von politisch engagierten Menschen, die mutig und entschlossen ihre Standpunkte darlegten. Das beeindruckte natürlich vor allem diejenigen Teilnehmer/-innen, die bisher noch an keiner solchen Veranstaltung teilgenommen hatten. Und beeindruckend war auch, wieviele junge Leute an der Demo teilnahmen, das brachten jedenfalls unsere SonnebergerInnen immer wieder zum Ausdruck.

Unsere Demo führte schließlich vom Alex über die Torstraße, die Friedrichstraße, entlang der Flaniermeile Unter den Linden zurück zum Alex. Etwas eigenartig war die Situation, als wir am Friedrichstadtpalast vorbeikamen. Vor dem Gebäude stand eine Menge geputzter Menschen, die uns neugierig musterte. War das Ablehnung, weil wir sie in ihrer Vorfreude auf die Veranstaltung störten? War es Ausdruck des schlechten Gewissens, daß sie hier aufgeputzt herumstanden, während andere ihre Freizeit dazu nutzten, um für die Wahrung auch ihrer Interessen einzutreten? Interessant war auch das Spektrum der Teilnehmer. Mit Freude registrierten wir Vertreter von Gewerkschaften wie der IG Metall und von verdi. Also gab es doch noch Landesverbände der Gewerkschaft, die an der Demo teilnahmen und sich nicht in Verweigerung übten! Viele von uns waren aber auch verblüfft über die Existenz so vieler unterschiedlicher linker Organisationen.

Beim Lesen der von ihnen ausgegebenen Schriften gab es aber dann mehr Verwunderung und sogar Ablehnung als Zustimmung. Und oft wurde auch die Frage gestellt: "Wer ist attac, was wollen die?" Offensichtlich ist attac noch nicht in das Berwußtsein vieler Menschen gedrungen. Auf der Heimfahrt gab es deshalb reichlich Gesprächsstoff, denn da unsere Gruppe in der Demonstration nicht zusammengeblieben war, gab es unterschiedliche Beobachtungen und Erlebnisse. Die Strapazen des Tages merkte man niemandem an, es war für alle ein Tag mit vielen neuen Eindrücken und Erkenntnissen. Und wir waren uns einig: Es war gut, daß wir heute in Berlin dabei waren. Eine junge Frau brachte es auf den Punkt, indem sie sagte: "Ich brauche mich jetzt wenigstens nicht vor mir selbst zu schämen. Ich kann das ALG 2 sicher nicht verhindern, aber ich habe etwas getan und mich gewehrt."

Astrid Nerlich Sonneberg